Montag, 14. März 2016

Warum sich in der Reggae Szene nix tut - Ein Kommentar zu HouseOfReggae

Erst kürzlich veröffentlichte der Blogger-Kollege Nils von House Of Reggae einen Beitrag, in dem er sein persönliches Fazit für die deutsche Reggaeszene brachte:

Reggae klingt für mich häufig sehr angestrengt, die Texte zu konstruiert, jede Silbe exakt artikuliert, fast klinisch sauber. Immer auf der Suche nach der perfekten, staubfreien Produkten. Quasi Mainstream, nur dass Reggae nicht Mainstream ist und so nicht funktionieren kann.
[...]
Ich kann mir modernen Roots Reggae komm noch anhören, weil das meist glatt wie Teflon ist. Wo ist der Rotz? Ich will rohes Ei und kein 5-Sterne-Omlette! Hört auf mit dem 200er Schleifpapier zu polieren. Holt die grobe Körnung raus. Das hinterlässt wahrnehmbare Spuren. Handwerker kennen das.
Harter Toback, für mich war das Grund genug mich dem Thema zu stellen.
Der Artikel las sich für mich wie ein Frontalangriff, auch der angebotene Lösungsvorschlag ist mir ein wenig zu undifferenziert gewesen. Die hörbare Musik ist nur das Symptom einer kränkelnden Szene, darauf gehe ich hier weiter ein.
Daher hier meine Analyse zur "Krise":

Zur Foundation der deutschen Reggaeszene

Überall in der Republik gibt es Reggae-Fans die kleine Dances veranstalten und Konzerte organisieren. Auch die Soundsystemkultur ist ständig am wachsen, wie man auch schon visualisiert hat. Soll heißen, die lokalen Strukturen stehen und lassen regelmäßig die Leute zu Offbeatmusik schwingen. Hier tummeln sich auch viele Artists und DJ's, die kreatives Potential mitbringen.
Diese wollen mit ihrer Musik nicht mal groß in die Charts, sie bilden das Fundament für die gesamte deutsche Szene. Sie bringen neuen Leuten die Musik nahe und machen eine Tür zum Reggae-Universum auf, wo nicht nur SEEED draufsteht.

Live versus die Album Aufnahmen

Doch bei den Veröffentlichungen sieht es schon ganz anders aus. Hier ist es in Deutschland sehr schwer potente KünstlerInnen zu finden und zu promoten. Das liegt meiner Meinung nach besonders an der Tatsache, das Reggae für viele innerhalb und ausserhalb der Szene eine Live-Kultur darstellt. Man geht auf nen Dance, hört ein zwei Leute über den Riddim rauschen und gut ist.
Das wissen auch die KünstlerInnen, die sich mega in die Sache hängen.
Was Live funktioniert bleibt für den Moment. Wer längerfristig aktiv sein will, muss dran bleiben, sonst ist Schluss, oder eben anfangen ein Album aufzunehmen.

Technische Hürden verhindern weiten Hörerkreis

Schon beginnt das Chaos, dass der Artikel von HOR leider ein wenig ignoriert.
Zum einen hat nicht jeder die Skills sich selbst aufzunehmen, auch das Equipment fehlt.
Wer das Glück hat jemanden zu kennen der dabei hilft ist klar im Vorteil.
Also dann wird das Album aufgenommen, man investiert sehr viel Zeit, ohne zu wissen ob das Endprodukt irgendwer hören will. Hierbei helfen entweder die lokalen Strukturen, oder das Internet. Mehr Geld für Werbung auszugeben ist, sollte man die Musik eher als Hobby betreiben, utopisch. Viele wollen damit nicht mal groß in die Charts, sie bilden das Fundament für die gesamte Szene. Sie bringen Leuten die Musik nahe und machen eine Tür zum Reggae-Universum auf, wo nicht nur SEEED draufsteht.

Glücklicherweise gibt es Initiativen von Künstlern, die sich entschließen hier etwas zu tun.
Beispielsweise Stoney Moe und sein Label musicgourmetz. Hier hat sich eine Lokale Szene Zusammengschlossen um weiter zu kommen und gleichzeitig andere mitzunehmen (siehe Forklift-Riddim).

Gegen die Großen Labels wird es schwer

Nun angenommen alles passt und ist fertig, dann geht es weiter. Die Songs werden nicht bekannter vom rumliegen. Hier konkurrieren nun die wenigen Veröffentlichungen gegen die der großen Labels, die mit dickem Budget ihre Artists pushen. Dabei wird das bedient, was der Großteil der Hörer mag. Der Blick geht dabei immer nach Jamaika, beispielsweise macht der Newcomer Toké aktuell einen medienwirksamen Ausflug nach Kingston. So wird ein Image reproduziert, das ein Reggae-Artist erfüllen muss.

An solchen Schwergewichten kommt der Underground nicht vorbei, leider. Das Problem befällt oft genug das Riddim Magazin, auch die BloggerInnen (oft alleine mit einem ganzen Haufen Arbeit) können die ganze Szene nicht überblicken.
Sogesehen war es eine super Idee, die leider nicht alle erreicht hat.

2 Jahre sind vergangen seit die Sleng Teng Challenge durch unser Land rauschte, nominiert waren die üblichen Bekannten. Also Artists, die in der deutschen Szene schon etwas zu sagen haben. Nach einiger Zeit war so der recht kleine Großteil der Szene abgefrühstückt, weitere Nominierungen wurden teilweise vergessen, oder gar nicht erfüllt. Das Ergebnis, alles im Sand verlaufen.
Schade eigentlich, es gab soetwas Gemeinsames nur zu Zeiten, als die größte deutsche Community Webseite "reggae-town.de"die Massive Flame Riddims verteilte, das aber ist Geschichte. Ich selber war damals zum Beispiel technisch nicht auf dem heutigen Niveau.

Ändert die Szene, dann ändert die Szene dich

Wir müssen etwas an unserer Szene ändern, dann kommen auch wieder kreative Produktionen heraus, die auch gehört werden, egal ob sie zum Mainstream passen, oder nicht.
Socialdread's Einschätzung stimmt, wir brauchen mehr grobkörniges, um mehr grobkörniges zu bekommen, sonst tut sich nix.
Ja wir müssen weg von den Plattitüden Botschaften, Hanfsongs und undifferenzierten Systemkritiken. Es gibt die Hörer, und es werden sicher mehr, wenn sie denn hören können, was so abgeht.

Dafür müssen auch unsere Reggae (Web-)Radio Shows mitmachen, genauso die Mixtapeproduzierenden die Platz für die eigenen, neuen Pflänzchen machen müssen. (Beispielsweise hier zu hören)

Das war auch mein Fazit im Artikel Reggae gwaan digital - Kein Studio ist auch kein Problem

Deswegen hier als Dankeschön für die Lektüre und das wichtige Bekenntnis von HOR, mein Beitrag zur #SlengTengChallenge
Nominiert werdet ihr alle, los gehts, verändern wir die Szene!